Krimis und Küche auf Chinesisch: Qiu Xiaolong im Gespräch

Kriminalromane haben keine literarische Tradition in China. Wie sind Sie auf dieses Genre gekommen?

Es gibt eine solche literarische Tradition – gong´an (Richter Dies Fälle, Richter Baos Fälle). Aber Sie haben Recht, dies sind keine wirklichen Kriminalromane. Sie handeln eher von rechtschaffenen Beamten, die für Gerechtigkeit gegen alle möglichen Seltsamkeiten kämpfen.
Ich kam über Umwege zum Kriminalroman. Mitte der Neunzigerjahre, während einer Reise nach Shanghai, war ich sehr beeindruckt von dem enormen Wandel, der sich dort vollzieht. Ich entschied mich, ein Buch über das heutige China zu schreiben. Aber ich hatte bisher nur Lyrik geschrieben und ich brauchte eine Weile, um mein Material als Roman zu verarbeiten. In dieser Hinsicht war der Krimi meine Rettung. Er bietet eine vorgefertigte Struktur, und die Polizeiarbeit bot sich an, um über soziale Probleme zu schreiben.

Mögen Sie Chen Cao? Oder anders gefragt: Welche Ihrer Romanfiguren mögen Sie am liebsten?

Chen Cao gegenüber habe ich gemischte Gefühle. Im heutigen China ist es nicht einfach, etwas zu bewegen und zu verändern. Als ein „erfolgreicher“ Überlebender im Parteiensystem muss Chen oft Dinge tun, die er nicht möchte. In einer so komplexen Zeit kann er nichts anderes sein als ein komplexer Mann. Die Figur, die ich am meisten mag, ist eigentlich Peiqin.

Worin, glauben Sie, liegt der grundlegende Unterschied zwischen dem Leben in St. Louis und dem in Shanghai?

Ich persönlich kann mich in St. Louis, wo nicht viel los ist, auf meine Bücher konzentrieren, wohingegen ich in Shanghai, der most happening city, wie die Stadt in einem amerikanischen Magazin genannt wurde, viel für meine Bücher erlebe. Ich genieße nach Herzenslust chinesisches Essen, singe Karaoke, ganz egal, ob ich es mag oder nicht, – aber ich kann mich dort nicht hinsetzen und schreiben.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie Shanghai heute besuchen?

Shanghai hat mehrere unglaubliche Veränderungen durchgemacht, besonders die Infrastruktur wandelt sich ständig: neue Gebäude, neue Straßen, neue Grenzen – manchmal fühle mich wie ein fremder Besucher oder wie ein Landei, verloren in einer unbekannten Stadt. Der Geist der Stadt hat sich vielleicht weniger stark verändert. Die Menschen heutzutage wundern sich nach wie vor, warum ich schreibe, anstatt ein Geschäft zu betreiben. Idealismus besteht in dieser Stadt aus materiellem Erfolg. Vor ein paar Jahren reichte ein Volkswagen völlig aus, heute sollte es schon ein BMW oder Mercedes sein. Glücklicherweise bin ich Tourist und muss mich nicht damit befassen, wenn ich in einem Taxi sitze.

Ihre Tochter wächst in den Vereinigten Staaten auf. Hat sie Sie schon mal nach Shanghai begleitet?

Sie wächst als ein american girl auf. Sie hat mich vor ein paar Jahren mal nach Shanghai begleitet. Während ihres Aufenthalts habe ich versucht, ihr die »acht Küchen Chinas« näher zu bringen, aber das einzige Restaurant, das sie noch einmal besuchen wollte, war der amerikanische Pizza Hut.

In Ihren Büchern spielt gutes und ausgiebiges Essen eine große Rolle. Wie steht es um Ihre eigene Kochkunst? Haben Sie schon einmal eines von Peiqins Gerichten zubereitet, die Sie in Ihrem Roman beschreiben?

Ich glaube, ich bin kein schlechter Koch. Es gibt wenige gute chinesische Restaurants in St. Louis, so dass ich ab und zu selbst den Kochlöffel schwingen muss. Ich liebe Kochen vor allem in Gesellschaft meiner Freunde. Und ich habe mehr als eines von Peiqins Gerichten gekocht.

Welches Restaurant sollte man in Shanghai unbedingt besuchen? Verraten Sie uns Ihren Geheimtipp?

Das Nanyang Soup Bun Restaurant auf dem City God Temple Market gegenüber dem Mid-Lake Teehaus, das in Tod einer roten Heldin beschrieben wird. Es ist ein Restaurant, in dem immer etwas los ist, in dem lange Schlangen von Gästen auf ihre winzigen Brötchen mit gehacktem Schweinefleisch und Shrimps warten, frisch und dampfend heiß direkt aus dem Bambusdämpfer. Falls Sie gewillt sind, das Doppelte zu zahlen, können Sie im ersten Stock essen oder im zweiten mit Klimaanlage und Serviette, was das Dreifache kostet. Vor ungefähr einem Monat habe ich zwei französische Journalisten dorthin mitgenommen. Nachdem jeder von uns einen Bambusdämpfer leergegessen hatte, seufzte der Fotograf und sagte: »Ich könnte gerade noch einen Dämpfer verputzen«. Ein Tipp: Man muss die Brötchen heiß verzehren, aber man sollte die Suppe essen, indem man das Brot hinein stippt – andernfalls verbrüht man sich die Zunge.

© Paul Zsolnay Verlag Wien, August 2005

   
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