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Qiu, Xiaolong
Tod einer roten Heldin
Kriminalroman
464 Seiten
Aus dem Amerikanischen von Holger Fliessbach
€ 9,95 [D] - € 10,30 [A]


Leseprobe
Zum Glück war der Baili-Kanal genauso schön, wie Gao versprochen hatte. Er war zwar nicht breit, doch da es im letzten Monat heftig geregnet hatte, führte er genügend Wasser. Und Fische gab es hier auch reichlich, da das Wasser relativ sauber war. Sobald sie ihre Köder ausgeworfen hatten, spürten sie schon, wie die Fische bissen. Bald konnten sie die Leinen wieder einholen. Fische über Fische sprangen aus dem Wasser, landeten auf dem Boot, zuckten, schnappten nach Luft.
»Sieh dir den mal an!« sagte Liu und deutete auf einen Fisch, der sich zu seinen Füßen wand. »Mehr als ein Pfund schwer!«
»Phantastisch!« sagte Gao. »Du bringst uns heute Glück!«
Gleich darauf zog auch Gao den Haken aus dem Maul eines Barsches, der sicher ein halbes Pfund wog.
Erfreut warf er die Schnur mit einem geübten Schwung seines Handgelenks wieder aus. Er hatte sie noch nicht halb eingeholt, als es heftig ruckte. Die Angel bog sich, und ein riesiger Karpfen funkelte im Sonnenlicht.
Sie kamen kaum zum Reden. Die Zeit lief rückwärts, während silberne Schuppen im goldenen Sonnenlicht tanzten. Zwanzig Minuten oder zwanzig Jahre  die beiden fühlten sich in ihre Jugend zurückversetzt. Zwei Schüler, nebeneinander sitzend, redend, trinkend, angelnd, und die ganze Welt baumelte an ihren Angelschnüren.
»Was bekommt man denn für ein Pfund Karauschen?« fragte Liu, der schon wieder einen stattlichen Fisch in der Hand hielt. »Für einen von dieser Größe?«
»Mindestens dreißig Yuan, würde ich sagen.«
»Ich habe hier gut vier Pfund, die sind also etwa hundert Yuan wert, stimmts?«, sagte Liu. »Wir sind jetzt erst eine Stunde hier, und ich habe schon mehr hereingeholt, als ich in einer Woche verdiene.«
»Ist das dein Ernst?« fragte Gao und holte einen Sonnenfisch von seinem Haken. »Ein Atomingenieur mit deinem Ruf?«
»Tja, ist aber so. Ich hätte lieber Fischer werden und südlich des Yangzi zum Angeln gehen sollen«, sagte Liu kopfschüttelnd. »In Qinghai bekommen wir oft monatelang keinen Fisch zu sehen.«
Liu arbeitete seit zwanzig Jahren in dieser Wüstengegend. Einer alten Tradition folgend servierten die dort lebenden Bauern zum Frühlingsfest einen hölzernen Fisch, denn das chinesische Schriftzeichen für Fisch bedeutet auch Überfluß, also Glück für das kommende Jahr. Vielleicht vergaß man dort mit der Zeit, wie Fisch schmeckte, doch die Tradition war nicht in Vergessenheit geraten.
»Das ist doch nicht zu fassen«, empörte sich Gao. »Der große Wissenschaftler, der Atombomben herstellt, verdient weniger als ein fliegender Händler mit seinen Tee-Eiern. Eine Schande!«
»Das ist die Marktwirtschaft«, sagte Liu. »Das Land ändert sich, die Richtung stimmt, die Menschen haben ein besseres Leben.«
»Aber es ist doch ungerecht, zumindest dir gegenüber.«
»Na ja, eigentlich kann ich momentan nicht klagen. Das war vor einiger Zeit nicht so. Du kannst dir sicher denken, warum ich dir während der Kulturrevolution nicht geschrieben habe.«
»Nein, warum denn nicht?«
»Ich wurde als bürgerlicher Intellektueller kritisiert und ein Jahr lang eingesperrt. Nach meiner Freilassung galt ich noch immer als Rechtsabweichler, und da wollte ich nicht, daß ein Verdacht auf dich fällt.«
»Das tut mir wirklich leid«, sagte Gao. »Aber du hättest mir trotzdem Bescheid geben sollen. Allerdings hätte ich mir das auch denken können, als meine Briefe immer wieder zurückkamen.«
»Nun, das ist jetzt vorbei«, sagte Liu. »Jetzt sitzen wir hier und angeln nach unseren verlorenen Jahren.«
»Das eine sage ich dir«, meinte Gao, der das Thema wechseln wollte, »wir haben inzwischen genug für eine hervorragende Fischsuppe.«
»Eine wunderbare Suppe  he, da ist ja noch so ein Prachtbursche!« Liu zog einen gut dreißig Zentimeter langen, zukkenden Flußbarsch aus dem Wasser.
»Meine Frau ist keine Intellektuelle, aber sie kann eine ziemlich gute Fischsuppe kochen. Ein paar Scheiben Jinhua-Schinken, eine Prise Pfeffer, eine Handvoll Frühlingszwiebeln, und schon hast du eine phantastische Suppe.«
»Ich freue mich schon darauf, sie kennenzulernen.«
»Sie kennt dich bereits. Ich habe ihr oft das Foto von dir gezeigt.«
»Ja, aber das ist zwanzig Jahre alt«, sagte Liu. »Wie soll sie mich heute noch aufgrund eines Hochschulfotos erkennen? Erinnerst du dich noch an He Zhizhangs berühmte Zeilen? Mein Dialekt ist noch derselbe, doch meine Haare sind ergraut.«
»Meine auch«, sagte Gao.
Es wurde Zeit, den Heimweg anzutreten.
Gao ging wieder ans Steuer. Doch der Motor stotterte und knirschte. Er versuchte es mit voller Kraft, der Auspuff spuckte schwarzen Rauch aus, aber das Boot bewegte sich kein bißchen. Kapitän Gao kratzte sich am Kopf. Schließlich wandte er sich entschuldigend an seinen Freund. Er war ratlos. Der Kanal war zwar schmal, aber nicht seicht. Die Schiffsschraube war durch das Ruder geschützt. Sie konnte nicht auf Grund gelaufen sein. Vielleicht hatte sich etwas darin verwickelt, ein zerrissenes Fischernetz oder eine Schnur. Ersteres war allerdings eher unwahrscheinlich  der Kanal war zu schmal für die Fischer, sie würden hier kaum ihre Netze auswerfen. Doch falls sich tatsächlich eine Schnur darin verfangen hatte, würde es schwierig sein, die Schraube wieder freizubekommen.
Er stellte den Motor ab und sprang ans Ufer. Noch im-
mer konnte er nichts Ungewöhnliches erkennen. Also begann er, mit einem langen Bambusstab in dem trüben Wasser herumzustochern. Den Stab hatte er von daheim mitgebracht, seine Frau pflegte daran auf dem Balkon die Wäsche aufzuhängen. Nach einigen Minuten stieß er unter dem Boot auf etwas.
Es fühlte sich weich an und war ziemlich groß.
Er zog Hemd und Hose aus und stieg ins Wasser. Problemlos bekam er das Ding zu fassen, doch es kostete ihn einige Mühe, es durchs Wasser ans Ufer zu ziehen.
Es war ein großer schwarzer Plastiksack.
Er war fest zugebunden. Vorsichtig knotete er die Schnur auf, beugte sich hinab und blickte hinein.
»Verdammt!« fluchte er.
»Was ist denn los?«
»Sieh dir das an! Haare!«
Liu beugte sich vor und schnappte ebenfalls nach Luft.
Es waren die Haare einer toten, nackten Frau.
Mit Lius Hilfe zog Gao die Leiche aus dem Sack und legte sie auf den Rücken.
Sie hatte sicher noch nicht sehr lange im Wasser gelegen. Ihr Gesicht war zwar etwas aufgedunsen, aber es war noch deutlich zu erkennen, daß sie jung und hübsch gewesen war. In ihrem dichten schwarzen Haar hatte sich ein Strang grüner Binsen verfangen. Ihr Körper war gespenstisch weiß, die Brüste schlaff, die Hüften breit, das schwarze Schamhaar naß.
Gao sprang zurück ins Boot, holte eine alte Decke und warf sie über die Leiche. Mehr fiel ihm momentan nicht ein. Schließlich brach er noch den Bambusstab entzwei. Es war zwar schade um ihn, aber er würde von nun an nur Unglück bringen. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, seine Frau tagein, tagaus die Wäsche daran aufhängen zu sehen.
»Was sollen wir jetzt tun?« fragte Liu.
»Wir können nichts tun. Berühre nichts, vor allem nicht die Leiche, bis die Polizei kommt.«
Gao holte sein Handy heraus. Er zögerte, bevor er die Nummer der Shanghaier Polizei wählte. Er würde einen Bericht schreiben und genau erklären müssen, wie er die Leiche gefunden hatte. Doch zuallererst würde er erklären müssen, warum er überhaupt dort gewesen war, zu dieser Tageszeit und mit Liu an Bord. Eigentlich hätte er seine Schicht abarbeiten müssen; statt dessen hatte er sich mit seinem Freund ein paar vergnügte Stunden gemacht, geangelt, getrunken. Aber er würde die Wahrheit sagen müssen, es blieb ihm nichts anderes übrig. Er wählte die Nummer.
»Hauptwachtmeister Yu Guangming, Spezialabteilung«, meldete sich eine Stimme.
»Hier Kapitän Gao Ziling von der Vorhut, Mitarbeiter der städtischen Wasserwacht. Ich melde einen Mord. Im Baili-Kanal wurde eine Leiche entdeckt, die Leiche einer jungen Frau.«
»Wo liegt denn der Baili-Kanal?«
»Westlich von Qingpu. Hinter der städtischen Papierfabrik Nummer 2, etwa zehn Kilometer davon entfernt.«
»Einen Moment, ich sehe kurz nach, wen ich losschicken kann«, sagte Hauptwachtmeister Yu.
Kapitän Gao wurde nervös, während am anderen Ende der Leitung Stille eintrat.
»Kurz nach halb fünf ist ebenfalls ein Mord gemeldet worden«, sagte der Hauptwachtmeister schließlich. »Alle sind unterwegs, sogar Oberinspektor Chen. Ich mache mich selbst auf den Weg. Ich nehme an, Sie wissen genug, um nichts durcheinanderzubringen. Warten Sie dort auf mich.«
Gao blickte auf seine Uhr. Der Hauptwachtmeister würde mindestens zwei Stunden brauchen. Ganz zu schweigen von der Zeit, die sie danach noch mit ihm verbringen müßten. Er und Liu würden als Zeugen gebraucht werden und dann wahrscheinlich noch mit auf die Wache kommen müssen, um dort ihre Aussage zu Protokoll zu geben.
Das Wetter war angenehm, es war mild, weiße Wolken zogen ruhig am Himmel entlang. Er sah eine dunkle Kröte in einen Spalt zwischen den Steinen springen; der graue Fleck hob sich deutlich von den kreideweißen Steinen ab. Auch eine Kröte konnte Unglück verheißen. Er spuckte abermals auf den Boden.
Selbst wenn sie es schafften, rechtzeitig zum Abendessen daheim zu sein, wären die Fische schon ziemlich lange tot. Dies würde der Suppe nicht sonderlich bekommen.
»Es tut mir leid«, entschuldigte sich Gao. »Ich hätte eine andere Stelle vorschlagen sollen.«
»Wie unser alter Weiser sagt: :In acht oder neun von zehn Fällen gehen Dinge in dieser unserer Welt schief9«, erwiderte Liu, der allmählich seine Fassung wiedergewann. »Niemand ist schuld daran.«
Wieder spuckte Gao auf den Boden und blickte dabei auf die Füße der toten Frau, die unter der Decke hervorragten. Weiße, wohlgeformte Füße mit geschwungenem Rist, zierlichen Zehen, dunkelrot lackierten Nägeln.
Dann sah er die glasigen Augen eines toten Karpfens, der an der Oberfläche des Eimers trieb. Kurz beschlich ihn das Gefühl, der Fisch starre ihn an; sein Bauch wirkte gespenstisch weiß und aufgedunsen.
»Diesen Tag unseres Wiedersehens werden wir jedenfalls nicht vergessen«, meinte Liu.
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